Ich rolle mal von hinten auf da es besser passt
Und genau hier setzt aber doch überhaupt erst die Bewertung an. Alles andere vorher - ob sich bei den Dialogen an irgendwelche Richtlinien gehalten wurde, Farbtupferl gut gesetzt wurden, die Kamera dynamisch oder statisch ist usw. - ist erst einmal nur die Beschreibung. Die kann in der Tat objektiv richtig oder falsch sein. Ich kann dafür messbare Skalen herstellen und z. B. die Schnitte einfach zählen. Wenn einer sagt, der Film hat 1000 Schnitte und der andere sagt, es wären 2000 (und sie haben sich auf denselben Begriff für "Schnitt" geeinigt

), dann kann tatsächlich nur einer Recht haben. Wenn aber einer sagt, 1000 Schnitte wären zu viel, und der andere sagt, es wäre genau richtig, dann ist das eben eine Wertungsfrage und die ist IMO nur subjektiv entscheidbar.
Was ich schon denke, ist, dass mit bestimmten Techniken usw. die Wahrscheinlichkeit, dass ein Subjekt etwas gut findet, erhöht werden kann. Aber selbst dann bleibt eben eine Restwahrscheinlichkeit, für die es aber beim "objektiv richtigen Bewerten" keinen Platz gibt
Ich glaube wir haben noch eine Diskrepanz in der Kernbewertung der Diskussion. Vermutlich habe ich meine Sicht noch nicht ausführlich genug dargelegt.
Die Bewertung eines Films hat für mich zwei Teile. Zunächst einmal meine subjektive Sicht, nach der ein Film handwerklich noch so gut sein kann für mich nicht ansehbar ist. Den Film habe ich schoneinmal angesprochen, daher hier nochmal: Barry Lyndon von Stanley Kubrick. Diesen Film finde ich subjektiv furchtbar. Er ist lang, öde, ich hasse den Hauptcharakter und gönne ihm alles Schlechte was ihm zustößt, ich werde mir diesen Film nicht noch einmal freiwillig anschauen außer ich versuche aktiv zu analysieren warum diese starken Gefühle bei mir ausgelöst werden. Aber eben nicht aus Vergnügen oder Zeitvertreib.
Die zweite Ebene ist objektiv und beschäftigt sich mit dem Niveau an Arbeit, das alle Beteiligten abgeliefert haben. Sie ist objektiv, denn es gibt einen Konzens unter Leuten vom Fach welche Standards gelten, damit etwas eben nicht schlecht ist. Etwas kann zwar Bewusst davon abweichen, aber man erkennt meistens in der Qualität des Übrigen ob das beabsichtigt war und einen Ziel verfolgt, oder ob das ein Unfall aus Inkompetenz, Unwissenheit oder was auch immer war. Es ist vorhersehbar, wann Kenner sagen z.B. werden "Oh diese Kampfszene ist wunderbar und hochwertig gemacht" und darauf kann man hinarbeiten oder eben nicht. Ich werfe mal noch ein Beispiel in den Ring (Star Wars wird erwähnt also sind wir nicht ganz off-topic

):
So finde ich Barry Lyndon eben furchtbar langatmig und absolut nicht sehenswert, doch sehe ich auf obektiver Ebene eben doch Qualität, die zwar meine Meinung zum Schauwert nicht ändert, aber dem Film trotz allem Punkte einbringt.
@Ilargi Zuri hat das oben sehr schön am Beispiel Avatar beschrieben, bei Barry Lyndon kann man wunderbar auf die Beleuchtung, durchdesignten Shots und Kostüme hinweisen.
Vorweg: Ich stürze mich mal nur noch auf ein paar wenige Beispiele, da das hier ja dann doch sehr explodieren würde. Bei den anderen Beispielen würde ich ohnehin ähnlich antworten, nur hier fallen mir schneller Beispiele ein.
Ja, aber die Entscheidung, ob ein Film Längen hat oder nicht, ist doch auch eine subjektive. Vorweg: Mit "subjektiv" meine ich nicht, dass es komplett autonom wäre (Bourdieu zeigt ja z. B. schön auf, wie der Geschmack durch Sozialisation entsteht), aber das Empfinden, welcher Film Längen hat und welcher nicht, hängt eben doch vom Menschen ab. Ein Beispiel: Ich z. B. finde den Film "Spiel mir das Lied vom Tod" klasse. Eine Freundin von mir findet ihn aber grauenhaft, mit der Begründung, dass der doch eben so viele Längen habe.
Das ist soweit auch okay, denn jeder darf da seine eigene Wertung ansetzen. Wenn jetzt aber einer von uns beiden aber plötzlich den Anspruch erhebt, die "objektiv richtige" Meinung zu vertreten, wird das plötzlich sehr unschön. Daher denke ich auch: Egal wie prestigeträchtig irgendein Herr Field ist: Nix, aber auch gar nix, gibt ihm das Recht, mir vorzuschreiben, wie ich einen Film, z. B. einen Dialog jetzt einschätzen soll. Wenn ich jetzt einen Dialog schlecht finde, der aber nach den Maßstäben des Herrn Fields "gut" ist - soll ich dann wirklich im Unrecht sein?
Geschmack entsteht durchaus durch Sozialisation, aber so wird auch Sozialisation geprägt durch den Geschmack der vorangegangenen. Es kann durchaus sein, dass du anders sozialisiert wurdest als deine Freundin. Ich lehne mich mal aus dem Fenster, vielleicht hast du mehr Klassiker gesehen als sie und weißt einen Klassiker daher eher zu schätzen, da du dich an die Filmsprache der Generation vor dir gewöhnt hast. Filme heutzutage sind deutlich schneller geworden vom Pacing her, was möglicherweise auch mit unserem anderen Lebensstil zusammenhängt. Wir beide können eine Diskussion über mehrere Tausend Worte hinweg führen, während andere dafür überhaupt nicht mehr die Aufmerksamkeitsspanne hätten.
Field gibt in erster Linie der Erfolg Recht, davon beeinflusst die gängige Lehrmeinung, aber auch Psychologie und Mythenforschung. Was Field sagt hat er sich ja nicht einfach ausgedacht. Die Drei-Akt-Struktur (und weitere fundamentale Bausteine einer Geschichte wie Katharsis z.B.), hat schon Aristoteles formuliert in einem Werk, das uns sogar heute
zugänglich ist. Carl Gustav Jung hat seinerzeit Archetypen auch in Geschichten erforscht und Joseph Campbell hat hunderte Mythen untersucht und eine Struktur "Die
Heldenreise" entdeckt, die jedem davon zu Grunde gelegen hat, woraus er geschlossen hat dass es einen "Urmythos" gibt, der einfach besonders attraktiv für die menschliche Psyche ist. Man kann beliebige Geschichten analysieren und wird Grundzüge dessen finden.
Was jetzt die unschöne Meinungsdiktatur (überspitzter Begriff durch mich, no offense

) angeht, so kommt das wohl durch die oben erwähnte Wahrnehmungsdiskrepanz zum Tragen. Lass mich meine Sicht erklären: Jemand vom Fach, der sich entweder eingehend mit der Thematik beschäftigt hat, oder selber Filme macht, oder beides, der wird nach meiner Definition des objektiven Meinungsfelds in diesem Bereich einem Ottonormalverbraucher über sein. Ergo, wenn ein Christopher Nolan mir etwas über gute Kameraarbeit und deren Relation zur Narrative erzählen würde, würde ich das ernster nehmen als wenn Lischen Müller von der Ecke, ihres zeichens moderat cineastisch versierte Bankkaufrau, das tun würde. Aber jetzt kommt die zweite, subjektive Bewertungsebene ins Spiel. So viel mal auch theoretisch klugscheißen will und sich als Experte auf der know-how Ebene einen runterholen will, am Ende des Tages muss Lischen Müller in den Film gehen und das Ticket bezahlen. Das heißt, subjektive Ebene auf der weder ich noch sonstwer dir was vom Pferd erzählen kann ist super wichtig in der Bewertung eines Films. In diesem Moment zählen alle Expertenmeinungen nichts. Wenn sich der Film nicht verkauft, kann er noch so schön sein, er ist dann ein Misserfolg. Auf dieser Ebene hat der Kunde immer Recht.
Meinetwegen ist er "faul". Aber macht ihn das gleich "schlecht"? Nein, nicht per se. Bei einem "Deus Ex Machina" kann man z. B. als positives Merkmal heranziehen, dass das Ende so nicht vorhersehbar war - und bei genügend Hinweisen auf das Ende im Film wird es immer jemanden geben, der "Das war doch vorhersehbar!" rufen wird. Auch hier: Woher soll man das Recht nehmen, dem einen oder anderen vorzuschreiben, seine Bewertung sei "objektiv falsch"?
Auf dieser Ebene hast du zu einem gewissen Punkt Recht. Ein Film ist durchaus zu kritisieren wenn er zu vorhersehbar ist, allerdings sind Wendungen dieser Art durch Deus Ex Machnias auch...nun...Effektiv aber nicht befriedigend, IMHO. Das ist glaube ich der Vergleich zwischen einem Burger bei McDonalds und einem Burger in einem hochklassigen Restaurant zu ziehen. Beide servieren dir vom Begriff her das gleiche aber aus dem einen kannst du viel mehr Freude ziehen. Nehmen wir ein Who Dunnit zum Beispiel. Die besten Krimis haben einen Mörder der zwar unerwartet ist, aber dennoch nicht erst auf der letzten Seite erwähnt wurde. Es ist viel befriedigender wenn Hinweise gestreut wurden, die man aber erst beim Reveal versteht uns sich denkt "AHHH so ist das also". Ein konkretes Beispiel 10 Cloverfield Lane, da ich die Sezierung dieses Films schon gepostet habe. Ich habe diesem Film die Aliens in den letzten zehn Minuten abgekauft. Warum wird im Video erklärt. Beweise werden gestreut, es wird sogar runderaus GESAGT, aber da die Quelle unseriös ist nehmen wir das nicht ernst bis zum Ende.
Letztes Beispiel zu dem Thema, Alfred Hitchcock war ein großer Fan davon dem Zuschauer alle Informationen zugänglich zu machen (“In the usual form suspense is indispensable of all the facts involved. Otherwise there is no suspense” Aus Francoit Truffeauts "Hitchock"). Warum? Da ihm Suspense wichtiger ist als Surprise. Den Unterschied erklärt er hier:
Gut, ich weiß nicht, wie das bei Filmen ist, aber z. B. in der Germanistik ist das absolut kein Kriterium. Weil man nie auf den vom Autor intendierten Sinn schließen kann - das wird immer nur zur Rumraterrei.
Auch in der Analyse von geschriebenen Werken kann man analysieren, auch wenn ich hier definitiv keinen Richtigkeitsanspruch für mich anmelde, da es nicht mein Fachgebiet ist. Ich gehe davon aus, dass ein entsprechend versierter Dichter genau weiß welche Worte er wo verwendet und welche sie an der Stelle entfalten. Das Problem dort ist halt einfach nur dass man die Dichter nicht mehr fragen kann, anders als bei Filmemachern heute. Auch dazu ein Beispiel:
Du spricht da aber jetzt von der Produktion. Mir geht es um die Rezeption.
Der Unterschied ist ja auch mir bewusst, ich hoffe ich habe das oben entsprechend aufgeklärt worum es mir geht
Und wenn man mir jetzt in einer echten Diskussion über die Bewertung eines Films sagen würde, dass mein persönlicher Geschmack unerheblich ist, würde ich sofort die Diskussion abbrechen und den Kotzbrocken, der meint, eine andere - angeblich viel "richtigere" Meinung - anführt, auf "Ignore" setzen
(Bevor es jetzt falsch rüberkam: Nein, ich wollte dich nicht als "Kotzbrocken" bezeichnen - es geht mir um das hypothetische Szenario

)
Ich hoffe wirklich dass ich nicht wie ein Meinungsdiktator rüberkomme und die Erklärung meines Ansatzes einigermaßen klar ist. Geschmäcker sind verschieden und meine subjektive Ansicht über Filme ist deiner in keinem Fall über. Allerdings ist es zum Beispiel auch in der Musiktheorie Konsens, dass gewisse Tonfolgen traurig klingen. Wenn das für ein Individuum nicht so ist (Was durchaus sein kann) ist trotzdem die Mehrheitsmeinung als solidere Basis anzusehen, obwohl diesem Individuum natürlich auch nicht abgesprochen werden kann ein Stück nicht zu mögen, da er die entsprechende Tonfolge nicht als traurig wahrnimmt.
Und genau hier setzt aber doch überhaupt erst die Bewertung an. Alles andere vorher - ob sich bei den Dialogen an irgendwelche Richtlinien gehalten wurde, Farbtupferl gut gesetzt wurden, die Kamera dynamisch oder statisch ist usw. - ist erst einmal nur die Beschreibung. Die kann in der Tat objektiv richtig oder falsch sein. Ich kann dafür messbare Skalen herstellen und z. B. die Schnitte einfach zählen. Wenn einer sagt, der Film hat 1000 Schnitte und der andere sagt, es wären 2000 (und sie haben sich auf denselben Begriff für "Schnitt" geeinigt

), dann kann tatsächlich nur einer Recht haben. Wenn aber einer sagt, 1000 Schnitte wären zu viel, und der andere sagt, es wäre genau richtig, dann ist das eben eine Wertungsfrage und die ist IMO nur subjektiv entscheidbar.
Was ich schon denke, ist, dass mit bestimmten Techniken usw. die Wahrscheinlichkeit, dass ein Subjekt etwas gut findet, erhöht werden kann. Aber selbst dann bleibt eben eine Restwahrscheinlichkeit, für die es aber beim "objektiv richtigen Bewerten" keinen Platz gibt
Ich glaube an dieser Stelle trifft sich dann unsere Meinung
Videos wie dieses von Dir gepostete "The Art of Editing and Suicide Squad" entfachen meine Begeisterung für Filmkunst immer wieder auf's Neue.
So viele Standards, Regeln, Kleinigkeiten...die kaum ein Rezipient wahrnimmt, welche aber scharfe Kritiker eiskalt aufdecken.
Wobei dieses Video schon arg streng ist. Ich kenne den Kanal dieses Mannes nicht, aber wenn er "jeden Film" so seziert, hat er schlussendlich nur noch mit den Hitchcooks und Kubricks dieser Welt Spaß am Filmeschauen. Da muss man auch aufpassen.
Da hast du durchaus recht. Zu tief im Thema sein kann durchaus den Spaß mindern, den man an nicht perfekten Filmen hat. Das ist ein Problem mit dem Leute die vom Fach sind durchaus zu kämpfen haben. Ich persönlich habe da weniger ein Problem mit, nehme dafür aber den positiven Nebeneffet mit wirklich, wirklich gute Filmen noch viel mehr genießen zu können, weil mir Details ins Auge stechen. Beispiel Eyes Wide Shut: Ich habe den kompletten Film bewundert wie Kubrick die Farbpalette fast komplett auf Blau und Orange reduziert hat (bis hin zur Haarfarbe des weiblichen Leads (!)), zwei Komplementärfarben die in Farbtheorie als sehr aesthetically pleasing beschrieben werden.
Falls dir aber eher positive Sezierungen von Filmen zusagen, also positive Beispiele die herangezogen werden und nicht negative, kann ich Lessons from the Screenplay und Nerdwriter sehr empfehlen. In meiner Playlist von Detailstudien sind deren Videos überproportional oft vertreten
NACHTRAG:
Zum Thema einfach aus dem Bauch heraus schreiben. Writing ist ein Fach wie die meisten anderen beim Film oder in der Kunst generell in das man sein Leben versenken kann. Hier etwas von John Truby dazu, hatte ihn vorher schon zitiert