Ich dachte mir, das passt hier vielleicht etwas besser rein als in den "Zuletzt gesehener Film"-Thread. Wenn nicht, kann man den Beitrag ja verschieben.
Ich habe mir vor einer Weile ein paar mehr Filmmusiken von Joe Hisaishi besorgt, dessen 'Mononoke Hime' ich sehr schätze, auch 'Sen to Chihiro no Kamikakushi' (den Titel kann ich sogar auswendig) war nicht schlecht. Da blieb es nicht aus, dass ich mich auch über die Filme selber (und andere von Ghibli) etwas mehr informiert habe.
Der Zufall wollte es, dass mir just vor ein paar Wochen ein Gutschein in die Hand fallen sollte, und weil ich mich eh gerade damit beschäftigte, wollte ich ihn für eine Ghibli-DVD einlösen (die sind ja leider nicht gerade billig und selbst mit Gutschein war das mein teuerster Film - irgendwelche Sondereditionen und vergriffene Auflagen nicht eingerechnet - seit Juni letzten Jahres). 'Mimi wo Sumaseba' (Whisper of the Heart) und 'Omohide Poro Poro' (Only Yesterday) (ja,
diese japanischen Titel habe ich jetzt nachgeschaut

) hatte der Laden nicht, also habe ich doch einen Miyazaki genommen. Und welchen? 'Tonari no Totoro'. (Unbewusst beeinflusst vielleicht von dem Avatar eines ehemaligen Stammgastes hier

.)
Technische Präsentation
Zunächst zur DVD. Ich hatte die Auswahl zwischen einer asiatischen Version (Korea, nehme ich an, weiß es aber nicht sicher) und den zwei noch ganz frischen Fassungen aus Amerika und England. Entschieden habe ich mich für die britische DVD, weil ich keinen großen Unterschied zur amerikanischen feststellen konnte (das US-exklusive Video zur Synchronisation interessiert mich nicht) und ich im Zweifel immer PAL und RC2 bevorzuge. Die RC3 wäre zwar billiger gewesen, aber ich konnte keine genaueren Infos zum Inhalt finden und bin das Risiko nicht eingegangen, den Film ohne Untertitel zu bekommen.
Soweit ich das durch Vergleichen von Reviews und meiner Version habe herausfinden können, dürfte
die britische DVD nahezu identisch mit der in den Staaten erst vor ein paar Wochen erschienenen Disney-Veröffentlichung sein. Der einzige Unterschied (neben dem nichtvorhandenen Synchro-Video): die Extras sind nicht auf eine zweite Scheibe ausgegliedert. Das hat den Vorteil, dass ich zwischen fertigem Film und Rohfassung/Storyboards wechseln und mir die Storyboards auch mit englischem Ton anhören kann. Negative Auswirkungen auf die Bildqualität scheint das nicht gehabt zu haben, jedenfalls habe ich nichts gemerkt; ich kann jetzt natürlich auch nicht direkt vergleichen. Das Bild ist recht sauber und klar, die Farben bunt, ohne knallig zu wirken. Hier und da sind Verschmutzungen zu erkennen, aber es hält sich für einen Film von 1988 in Grenzen. Wenn man darauf achtet, sieht man ein gewisses Maß an Bildrauschen, aber nur am Computerbildschirm.
Soviel zum Bild. Was wird an Akustik geboten? Der
japanische Originalton sowie die brandneue englische Synchronisation von Disney. Drei Untertiteloptionen: Englisch für Hörgeschädigte (basierend auf der neuen Synchro),
Englisch (mehr oder weniger wörtliche Übersetzung des japanischen Drehbuchs), gar keine. Gesehen habe ich den Film so wie gelb markiert, mir die anderen Möglichkeiten aber auszugsweise angesehen (bzw. -gehört). Ich habe viel negatives über die neue Synchro gelesen (im Vergleich zur alten), fand das, was ich gehört habe, aber - was die Stimmen angeht - nicht schlecht. Dakota Fanning als Satsuki macht ihre Sache ganz ordentlich, ihre kleine Schwester Elle ist super als Mei.
Zwei Dinge, die mir noch aufgefallen sind: Die japanische Spur dreht die Lautstärke in ein paar dialoglosen Instrumentalsektionen ziemlich auf im Vergleich zur Umgebung, ich weiß nicht, ob da nicht ein Techniker übermotiviert war.
Nachdem Satsuki den Schuh als nicht ihrer Schwester gehörend identifiziert hat und auf den Wald zurennt, (bei mir etwa um 1:13:38), bewegt die Alte eindeutig ihren Mund, sagt aber - auf der japanischen Tonspur - nichts. Auf Englisch ruft sie Satsukis Namen.
Nicht gut für Puristen: Titel und Stabsangaben in Vor- und Abspann sind auf Englisch (UK). Immerhin gibt es als Extra sowohl Vor- als auch Abspann ganz ohne Text und mit japanischer Titelanzeige. Im Rest des Films gibt es keine (erkennbaren) Anpassungen; die Schriftzeichen sind alle japanisch und werden - soweit handlungsrelevant - nur per Untertitelspur übersetzt (nur wenn die wörtlichere angeschaltet ist).
Kurioserweise sind die beiden Lieder im Hauptfilm nicht untertitelt, sehr wohl aber die Versionen aus dem Extramenü. Diese Untertitelübersetzung ist auf jeden Fall eine andere als die, die auf der englischen Tonspur gesungen wird (vermutlich näher am Original). Die Texte sind aber so banal, dass ich sie am besten gleich wieder vergesse; die Lieder sind auf Japanisch viel schöner, wenn man nicht weiß, was da gesungen wird

.
Die Extras sind etwas mager. Die wichtigen habe ich alle schon genannt:
- die Möglichkeit, den gesamten Film in einer Storyboard-Fassung zu sehen (man kann jederzeit zwischen dieser und der fertigen Fassung wechseln),
- Vor- sowie Abspann ohne Text,
- drei Original-Trailer für 'Totoro' (in ziemlich miserabler Qualität),
- Trailer für andere Ghibli-Titel (sogar zwei für den mit dem Schloss).
...
Ich überprüfe meinen Text gerade und muss mich korigieren: Original-Vor- und -Abspann
sind auf der DVD, inkl. japanischem Text. Wenn ich mich nicht irre, ist der ganze Film in seiner fertigen Fassung
viermal auf der DVD:
- Titel 04: beginnt mit Ghibli-Logo, dann einem kurzen Copyright-Hinweis; Vorspann englisch
- Titel 08: Ghibli-Logo, Copyright-Hinweis, Vorspann japanisch
- Titel 09: dito
- Titel 10: dito
Titel 4 wird automatisch abgespielt bzw. bei Anwahl von "Play Feature" und/oder "Select Scenes"; ist der einzige Titel, bei dem der Wechsel Film/Storyboards nicht funktioniert. Der Vorspann ist zudem, wenn man von Anfang an den Blickpunkt "Storyboards" einstellt (bei jedem der drei Titel), leicht anders: statt dem Totoro/Pferdekopf-Ghibli-Logo erscheint ein grüner Text auf schwarzem Grund, der für meine sehr begrenzten Japanischkenntnise ungefähr so ausschaut wie der japanische Titel. Es folgt ein etwas längerer rein japanischer Text, den ich nun wirklich nicht entziffern kann und der alles bedeuten könnte von "wer diesen Film raubkopiert, wird in einen Staubdämon verwandelt" bis "D1zµ€y $uck0rz". Der Rest des Vorspanns ist identisch mit den anderen japanischen Fassungen.
Kurios, das. Ist das eine einzige gigantische Datenverschwendungsverschwörung, ein Produktionsschluckauf, ein Anzeigefehler des Abspielprogramms oder habe ich vielleicht das mit dem Seamless Branching nicht verstanden (nicht, dass es was zum "seamless branchen" gäbe, aber das ist die einzige Erklärung, die mir dazu einfällt)? Meine einzige andere DVD aus dem Hause Optimum (Chihiro) weist solche Seltsamkeiten jedenfalls nicht auf, da gibt's nur zwei Titel (einen für den Film in zwei Sichtweisen - wieder Film/Storyboards - und einen fürs Optimum-Logo). Und TPM (D), wo ich
weiß, dass "seamless gebrancht" wurde, macht sowas auch nicht (die alternativen Eröffnungsszenen sind zwei Kapitel eines Titels, nicht zwei verschiedene Titel).
Der Film
Gegen das Mysterium des Datenträgers ist die Handlung des Films fast langweilig

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Sehr komplex ist die ja wirklich nicht. Eine Familie bezieht ein neues Haus (minus Mutter, die erstmal noch im Krankenhaus ist), die Kinder entdecken und haben Spaß mit diversen magischen (oder eingebildeten) Kreaturen. Als es der Mutter scheinbar schlechter zu gehen scheint, macht sich das jüngere Kind auf ins Krankenhaus; Schwester und Rest des Dorfes machen sich Sorgen und suchen sie. (Eingebildete) Hilfe erhält die Schwester von besagten Zauberwesen.
Ich habe gehört, dass es autobiographische Elemente in dem Film gibt (wofür auch spricht, dass "Mai" ursprünglich nur eine Figur war), gerade in Bezug auf die Mutter im Krankenhaus. Nachdem ich vor ein paar Tagen von der aus verschiedenen Gründen nicht so guten Beziehung zwischen Papa Hayao und Sohn Goro Miyazaki gelesen habe, könnte ich mir 'Tonari no Totoro' auch als autobiographisch in der anderen Richtung vorstellen: die fiktionale Realisation einer Wunschvorstellung Miyazakis. Meis und Satsukis Vater wird hier ja sehr positiv dargestellt. Liebevoll und aufopfernd. Immer bereit, seine Kinder in ihren Fantasierereien zu bestärken. Arbeitet zwar viel, aber das macht nichts, weil seine Kinder sich problemlos anderweitig beschäftigen können. Wenn er mal nicht arbeitet, ist er immer für sie da.
Naja, nur so ein Gedanke.
Der Film ist von einer bezaubernden Einfachheit in zweifacher Hinsicht: inhaltlich und zeichnerisch. Die Hintergründe sind sicher nicht realistisch, die Figuren erinnern mehr an Heidi als an Mononoke. Das ist aber durchaus positiv; wenn meine Antipathie gegen "den" japanischen Zeichenstil auch nicht verschwindet, wird sie durch Nostalgie doch zumindest abgemildert. Jede Szene, in der Mei wie ein Frosch aussieht, weil ihr Mund seltsam breit gezeichnet ist, ist unfreiwillig komisch, aber das ist halt so. Qualitativ (was mit dem Stil an sich ja nichts zu tun hat) sind die Zeichnungen auf hohem Niveau. Hier und da meine ich einige perspektivische Ungenauigkeiten entdeckt zu haben (bspw. am Ende der Szene, wo Mei zum ersten Mal auf Totoro trifft), aber nichts dramatisches. Künstlerischer Höhepunkt ist für mich die magische Baumbeschwörung, das ist schon toll gemacht. Schön auch Totoros Fell und Haare ganz allgemein.
Zu den Hintergründen noch: Goro Miyazaki spricht in seinem "Drehtagebuch" zu 'Gedo Senki' davon (wenn ich das noch richtig im Kopf habe), dass neueren japanischen Trickfilmen etwas bei dem Prozess bzw. in dem Streben, immer realistischer zu zeichnen (bzw. zu malen), verloren gegangen ist. Ich kenne nicht genügend Animés, um diese Aussage kritisch beurteilen zu können, aber da ist was dran. Die farbenfrohen, "unscharfen" Hintergründe mit deutlich erkennbaren Pinselstrichen (man verzeihe mir, wenn ich den kunstgeschichtlichen Fachbegriff nicht kenne) tragen auf jeden Fall zum Charme von 'Totoro' bei. Inwieweit das für 'Gedo Senki' gilt, kann ich nicht sagen, weil die Trailer bisher alle in bescheuerten Formaten veröffentlicht wurden, die (mir) eine genaue Identifizierung des Hintergrund-Malstils unmöglich machen. Außerdem werde ich dauernd von dem schönen Hintergrundlied abgelenkt...
A propos Musik: Ich schrieb ja, dass ich mir zuvor einige neue Hisaishi-Scheiben besorgt hatte. Insbesondere das Image-Album von 'Totoro' läuft hier rauf und runter. Das sind ein paar überaus süchtigmachende Melodien, obwohl teilweise schon sehr abgedreht. Letztendlich unterstütze ich aber Hisaishis (oder Miyazakis) Entscheidung, aus den meisten Liedern Instrumentalstücke zu machen und den Abgefahrenheitsfaktor etwas herunterzudrehen. Ich glaube, dass die Musik sonst vom Bildgeschehen abgelenkt hätte. Der tatsächliche Soundtrack erfüllt seine Aufgabe, die Bilder zu unterstützen, bereits sehr gut. Zu Beginn und zum Schluss darf es dann auch wieder etwas ausgelassener sein.
In diesem Zusammenhang: Der Vorspann ist in seiner formalen Schlichtheit (im Großen) und seiner Verspieltheit (im Kleinen und in der Musik) eine gute Einstimmung auf den Film, der Abspann ein schöner Ausklang, der nebenbei die Geschichte zu Ende erzählt.
...
Kleiner Nachtrag: Das Tondesign sollte noch erwähnt werden, das ist bei Trickfilmen ja nicht unwichtig. Wenn ich den technischen Aspekt des Films in seine Einzelaspekte zerlege und so werte, ist das Tondesign der Bereich, der mir am positivsten aufgefallen ist. Zum ersten Mal bei der ersten Begegnung von Mei und Totoro, danach habe ich drauf geachtet. Der Film ist recht still, hat viele Szenen ganz ohne Musikuntermalung und wenige auffällige Effekte. Die, die es gibt, sind super. Die beste Szene des Films, um das zu veranschaulichen: Totoro im Regen. Das Hintergrundrauschen des Regens, die einzelnen auf den Regenschirm tropfenden Tropfen, dann der Sprung und die nachfolgende Tropfenflut: perfekt.
Die oben angesprochene inhaltliche Simplizität kommt dem Film ebenso zugute. Der Film hat keine Botschaft, also muss Miyazaki keine ideologischen Bäume ausreißen und den Zuschauer damit erschlagen. Es geht auch subtil und im Hintergrund: in der Erkundungsszene ist im Fluss ganz kurz eine Flasche zu sehen.
Der Erzählfluss des Filmes wirkt sehr natürlich und nicht überfrachtet, was bei mehr Handlungselementen vermutlich nicht der Fall gewesen wäre. Auch hier wieder die Subtilität: Es gibt keine ausgearbeitete Liebesgeschichte (oder dergleichen) zwischen Satsuki und dem Nachbarsjungen. Stattdessen: Andeutungen, kleine Gesten. Gleiches gilt für die beiden Schwestern: Es gibt keinen fein konstruierte Bogen, nach dem die Atmosphäre zwischen beiden sich verdüstert. Sie haben ein sehr gutes Verhältnis, dann giften sie sich an, dann wieder nicht. So ist das halt manchmal mit Geschwistern. Wie gesagt: natürlich. (Dabei fällt mir die Szene ein, in der die Familie badet. In einem Realfilm wäre das unmöglich. Ich schätze, selbst in einem modernen Trickfilm, amerikanisch oder nicht, würde sowas vor der Veröffentlichung geschnitten - oder gar nicht erst angedacht - werden.)
Die Charakterisierung der Totoros (und der anderen Zauberwesen) findet gezwungenermaßen auf etwas engerem Raum statt, aber immerhin. Was sie nun wirklich sind - oder ob sie überhaupt existieren (was selbst die Schlussszene nicht eindeutig beweist) - wird nicht gesagt, und warum auch? Das bleibt so jedem Zuschauer selbst überlassen.
Gleichermaßen sorgt die einfache Handlung für einen für Miyazaki relativ straffen und kurzen Film. Es ist bei 'Totoro' viel schwieriger (für den Autor/Regisseur), sich in Details zu verlieren, als beispielsweise bei 'Chihiro'. Trotzdem wäre etwas mehr möglich gewesen, deshalb ist es gut, dass Miyazaki sich nicht dazu hinreißen hat lassen, der Zauberwelt mehr Raum zu schenken und den Film damit künstlich aufzublähen. Ich mag 'Chihiro', aber der Film mäandert etwas und hat ein paar Längen (über die durch skurrile Einfälle und schöne Animation - abseits vom Stil - hinweggetäuscht wird, aber ganz wegdiskutieren lassen sie sich nicht); 'Mononoke' ist eine einzige Länge

.
Insgesamt wirklich sehr sehenswert. Eine deutsche DVD scheint es nicht zu geben, was sehr unschön ist. Wenn ich mit Disney vergleichen soll, würde ich den Film auf einer Ebene mit dem 'Jungle Book' sehen, und nicht nur wegen einer sehr ähnlichen Szene (dann müsste ich 'Alice in Wonderland' nennen, aber jener Disney-Film hat genau das Problem, das Miyazaki hier vermieden hat).
Ihn in eine Animé-Rangliste einzuordnen fällt mir nicht schwer; ich kenne ja nur drei

. Mononoke < Totoro < Chihiro. Letzteren finde ich dann doch einen Tick besser. Wie oben geschrieben hat 'Totoro' einen strafferen Handlungsverlauf, aber im direkten Vergleich punktet 'Chihiro' dann doch mit einer größeren Bandbreite an Interpretationsmöglichkeiten, den "weniger japanischen" Zeichnungen (ein Eindruck, den ich nie am Objekt habe erklären können, aber so ist es halt) und der auch auf einer wörtlichen Ebene komplexeren Handlung.
So. Als nächstes dann Sophies Begegnung mit einem herumwandernden Schloss (sobald ich die beiden Bücher, auf denen der Film basiert, gelesen habe).
(EDIT wg. Ergänzung zu den Geräuschen)