@Sol Deande
Du bringst die Sache Sache auf den Punkt, besser kann mans nicht sagen.
Ich frag mich auch immer wieder, ob den Leuten ihre Energie, die sie aufwenden, um sich gegen etwas aufzuregen, nicht zu schade ist. Selbst wer den Papst nicht ausstehen kann, wird den momentanden Nachrichtenhype schon überleben.
Außerdem leben wir in einer Popkultur. Je mehr Menschen an einer Sache interessiert sind, desto mehr wird das Thema in der Öffentlichkeit dargeboten.
Der Papst ist nunmal eine internationale und geliebte Prominenz. Auch wenn einem das befremdlich und nicht ganz geheuer vorkommen mag, bleibt einem nichts anderes übrig, als es zu tolerieren.
Ich hab mich gefreut, als ich 2002 überdimensionale Star Wars Plakate in Wien an Häuserwänden gesehen habe, ein Bekannter von mir hat das als Belästigung und Stadtverschandlung bezeichnet.
Die Geschmäcker sind eben verschieden.
Ich werde als Fußballmuffel auch die WM 2006 tolerieren, sollen die Menschen doch ihren Spaß haben oder kollektiv trauern.
Allerdings ist eine berechtigte Kritik am Papst legitim, da er nicht nur ein Star ist, sondern weil er auch aufgrund seiner ihm gegebenen moralischen Instanz und seiner representativen politischen Macht eine großen Einfluss auf viele Menschen ausübt. Er steht damit in einer großen Verantwortung.
Wie schon hier oft gesagt, ist der Papst nicht verantwortlich für Überbevölkerung und HIV-Ausbreitung. Karitative katholische Organisationen dürfen aber in Afrika und Südamerika keine Kondome an die Bevölkerung austeilen, obwohl die dort Mangelware sind, weil der Vatikan es verbietet. Das hat zur Folge, dass sich viele Menschen unnötigerweise mit dem Virus infiziert haben, weshalb nicht wenige Kirchenverteter sich über das Verbot hinwegsetzen und Kondome mehr oder weniger heimlich verteilen. Das muss doch nicht sein, oder?
Zölibat, Verbot des Frauenpriestertums, Homosexualität als Sünde usw. sind zwar auch seltsame Ideale, streng genommen nicht mit unserem Grundgesetz vereinbar, haben aber i.d.R. keine tödlichen Folgen zu verantworten.
Der radikale Kurs in puncto Abtreibung und Sterbehilfe hingegen halte ich für sehr lobenswert, auch wenn ich selber eine etwas andere Meinung habe, weil die katholische Kirche das Leben als das höchste Gut betrachtet, ohne Ausnahme.
Der Papst hat wirklich auch einiges Gutes getan, hat sich für den Frieden der Religionen vehemment und meiner Meinung nach auch erfolgreich eingesetzt. In der Krise um den Panamakanal hat er politsches Geschick bewiesen und einen tödlichen Krieg verhindert. Seinen "Kampf gegen den Bolschewismus" (

) erlebe ich als Genugtuung, auch wenn sein "Kampf gegen den Raubtierkapitalismus" weniger Erfolge vorzuweisen hat.
Auch wenn mir, als nichtgläubigen, nichtreligiösen Katholiken, seine Lehren und Weisungen nicht verbindlich für mein persönliches Leben waren, d.h. also völlig unwichtig, denke ich dass in einer zunehmend gewinnorientierten Welt, in der soziale Maßstäbe immer mehr an Bedeutung verlieren, moralisch unabhängige Instanzen wie die christlichen Kirchen, aber auch Instanzen anderer Religionen sowie philosophische ethische Wertmaßstäbe notwendig sind, um noch Schlimmeres, als eh schon gibt, zu verhindern..
Möge J.P II (alias K.W.) in Frieden ruhen.
Der Papst ist tot, lang lebe der Papst.
Wer weiß, wie der nächste wird.
