Es ist immer wieder verwunderlich, dass die Vorstellung existiert, der Mangel an offiziellen, öffentlichkeitswirksamen Gesprächen und Verhandlungen sei gleichbedeutend damit, dass "man nicht miteinander redet". Zum einen existieren eine ganze Reihe von Kanälen im Hintergrund (seien es durch die Nachrichtendienste oder informeller Austausch auf diplomatischer Ebene) und zum anderen gibt es - wie auch hier erwähnt und immer mal wieder in den Nachrichten gemeldet - auch Telefonverbindungen, die direkte Gespräche zwischen Staatsoberhäuptern ermöglichen. Die regelmäßigen Unterhaltungen von Macron und Scholz mit Putin sind dafür nur ein Beispiel. Die Diplomatie wurde niemals eingestellt, nur ist Diplomatie halt nicht gleichbedeutend mit "Die Gegenseite droht, wir machen brav das, was sie will, obwohl wir der Gegenseite nicht vertrauen können" - außer natürlich, man hat weder Rückgrat noch Prinzipien oder Weitsicht.
Das ist das eine. Das andere ist, dass nach einem Ausweg aus dem Konflikt gefragt wurde. Den gibt es, und zwar besteht er darin, dass die Ukraine weiter dazu in die Lage versetzt wird, die russischen Streitkräfte militärisch zu schlagen und von dem souveränen, international anerkannten Staatsgebiet der Ukraine zu vertreiben. Sobald das geschehen ist, geht es darum, eine wirksame, effektive Abschreckung aufzubauen, damit die Grenzen der Ukraine vor weiteren Aggressionen - sei es einige Monate oder Jahre später - geschützt ist und die Menschen in der Ukraine auf demokratischen Weg als souveräner Staat ihr Schicksal selbst bestimmen können, ohne Angst vor Gewalt, Folter und politischem Terror. Ob dieser Weg sie dann in EU und/oder NATO führen wird, ist einzig und allein die Entscheidung der Ukraine und der betroffenen Organisationen.
Wie Putin das der russischen Gesellschaft verkauft, ist sein Problem. Vielleicht gelingt es dem Propagandaapparat, es als harten Kompromiss zu verkaufen, den der große Zar eingehen musste, um - nachdem seine Armeen gegen die "polnischen Söldner" und "Nazis" natürlich viele Siege errungen haben, die man auf Landkarten halt so schwer erkennen kann - eine furchtbare Eskalation zu vermeiden. Im Zweifel finden sich im inneren Kreis auch genügend Sündenböcke, die man vorschieben kann. Vielleicht gelingt es auch nicht und die russische Bevölkerung respektive die Machteliten jagen Putin aus dem Amt. Dann muss man sehen, wie der Nachfolger tickt - Politik steht nie still und darf es sich nicht bequem machen.
Keine faulen Kompromisse. Kein Appeasement. Kein Verrat an Menschen, die sich nach Westen orientieren und in Freiheit leben wollen. Und vor allem kein Einschüchtern lassen durch Drohungen, die man natürlich ernst nehmen muss, weil sie möglich sind - aber möglich ist nicht gleichbedeutend mit wahrscheinlich oder unausweichlich.
Die Menschen in der Ukraine zahlen seit 2014 den furchtbaren Preis, und sie haben als Gesellschaft entschieden, das zu akzeptieren - wie armselig ist es da, wenn man aus der Insel der Seligkeit Deutschland die Forderung erhebt "Gebt auf, damit wir wieder unsere (verlogene) Ruhe haben können".
Das geraunte Gruseln vor dem Atomkrieg ist als Ausrede für jede Feigheit und Bequemlichkeit natürlich sehr praktisch. Mit der Einstellung wäre der Kalte Krieg wohl so ausgegangen, dass wir alle in einer Diktatur leben - die andere Seite hat ja Atomwaffen und könnte sie einsetzten, also kann man nix machen, ist wohl so. "Wandel durch Annäherung" klingt da doch so toll, da kann man jede Prinzipienlosigkeit noch in das hehre Kleid von Frieden und Verständigung hüllen.