Wie findet Ihr die heutige Welt?
Kann ich mit zwei Worten beantworten: ZUM KOTZEN!
Dabei gehe ich nur mal von meinem direkten Umfeld aus, ohne auf die großen Mißstände einzugehen (welche da wären Krieg, Armut, Übervorteilung, Egoismus, Politik.....).
Aber alleine das, was mich selbst tagtäglich persönlich betrifft, schürt in mir den Wunsch, endlich abzutreten!
Das beginnt beim morgendlichen Aufstehen, wenn ich nach nur drei Stunden Schlaf (habe gestern von 6:30 Uhr bis 2:00 Uhr morgens arbeiten müssen - man braucht heute ja zwei Jobs um zu überleben

) meinen total kaputten Körper von meiner alten maroden Matratze wälze und die Augen öffne, und alles, was ich sehe, ein paar billige Ikea-Möbel in einem 25 qm Raum sind.
Kein Geld für frisches Brot, also nur ne kurze Tasse Instant-Kaffee und ab gehts wieder ans Werk.
Dort stresst Du Dir den Hintern weg, sorgst dafür, daß der Laden des Menschen senkrecht läuft, der Dir nen Hungerlohn zahlt und selbst an Dir verdient wie ein Irrer, Du aber nichts dagegen tun kannst, weil Du auf das Geld angewiesen bist und immer schön still hältst.
In den wenigen Minuten Pause, die Dir bleiben, stellst Du Dich mit dutzenden anderen armen Schweinen in eine lange Schlange und kaufst vom viel zu langsam steigenden Lohn viel zu schnell im Preis steigende Lebensmittel ein (eine Wurstsemmel kostet ja heute im Schnitt zwischen vier und fünf Mark!!!), stopfst Dir das ungesunde Zeug schnell rein, um keine Zeit zu verlieren, und düst zurück zur Maloche - nicht ohne vorher irgendwelche Arztsöhnchen oder "Gangstas" zu sehen, die Gegenüber am Bahnhof mit ihren dicken BMWs stehen und anscheinend keinerlei Beschäftigung nachgehen - Papa machts wohl möglich.
Nach der Arbeit steigst Du in Deinen halbverrosteten Fiat mit den tausend Mängeln und zuckelst kurz heim, um Dich zu duschen und umzuziehen, damit Du gleich fertig bist für den nächsten Job.
Dabei hörst Du den AB ab, und es fällt Dir wieder mal auf, daß kein Schwein angerufen und nach Dir gefragt hat.
Dir wird wieder mal bewusst, daß Du keine Freunde hast, die für Dich da sind, und kannst nicht mal mit Sicherheit sagen, ob die Menschheit um Dich herum nur aus A*rschöchern besteht die sich einen Dreck um Deine Isolation schert, oder ob die Tatsache daran Schuld ist, daß Du eh keine Zeit für welche hättest, da Du ja dauernd nur am Rennen und Verdienen bist.
Auf dem Weg zum nächsten Job kämpfst Du Dich ein einhalb Stunden lang durch den Verkehr, wobei das oftmals das Gefühl vermittelt, alle anderen ausser einem selbst seien zu blöde zum Autofahren - oder haben zuviel Freizeit.
Dabei fallen Dir die kleinen Zwölfjährigen auf, die bereits Nachmittags schon mit den Bierflaschen und Kippen in der Hand - angezogen wie zu klein geratene Profi-Nutten - ihre Zeit damit verbringen, sich statt Schule um schnelle Nümmerchen mit ihren Altersgenossen zu kümmern, und Du nicht weißt, ob Abscheu oder Mitleid für sie angebracht wäre.
Du denkst zurück an Deine eigene Kindheit, als Du mit all Deinen Freunden im Grünen gespielt hast, die sorgenden Mütter den ganzen Nachmittag für einen da waren, um Dich zu versorgen, bei den Hausaufgaben zu helfen und Dir Liebe und Zuneigung zu geben.
Wohin sind all diese intakten Familien verschwunden? Wieso kümmert sich keiner um diese kleinen Flittchen, die wahrscheinlich nicht mal wirklich was dafür können, daß sie so sind, wie sie sind?
Voller Traurigkeit und auch Abscheu vor dem Werteverfall stehst Du also am zweiten Arbeitsplatz und siehst zu, wie sorglos andere Menschen viel zu viel Geld für überteuerte Waren ausgeben, ihren Müll zu Boden werfen, sich Dir gegenüber benehmen, als wärst Du nur Dreck wert (was in Deinem eigenen Ego irgendwie dafür sorgt, daß Du es dann auch selbst glaubst) und Du wunderst Dich, woher diese Menschen, die definitiv weniger leisten als Du so offensichtlich mehr Geld haben.
Wenn Du dann nach getanem Werk wieder nach Hause fährst und fix und fertig nur noch Richtung Bett marschierst, fällt Dir auch auf, daß niemand da ist, der auf Dich wartet.
Beim Zähneputzen vorm Spiegel fällt Dir auf, wie alt Du für Deine 28 Jahre aussiehst, und wie zerbrochen Dein Körper wirkt. Und obwohl Du nur einmal am Tag was zu Essen holst, trägst Du einen Bauch vor Dir her, der sicher nur davon herrührt, daß Du einen total verkorksten Ernährungsstil hast.
Dabei hungert es Dich sogar, wenn Du ins Bett gehst, aber wenn man müde ist und keinen Bock mehr auf Kochen hat, vergißt man das sehr schnell.
Sobald die Augen zu sind, kommen die Gedanken herein, die Dich davon abhalten, schnell einzuschlafen.
Die ewige Frage nach dem "Warum" beschäftigt Dich sehr.
Warum geht es anderen besser als Dir, obwohl sie jeden Luxus haben und viel weniger leisten?
Warum sind die Menschen so egoistisch und auf sich selbst fixiert, daß sie garnicht erkenne, wenn es einem Mitmenschen schlecht geht - ich sehe das doch auch und helfe?
Warum bist Du in eine solch zermürbende Situation geraten, trotz Schulbildung, Berufsausbildung und intaktem Elternhaus?
Warum findest Du unter sechs Milliarden menschen auf diesem Planeten nicht einen einzigen, der Dich aufrichtig lieb hat, egal on Männlein oder Weiblein?
Und dann kommen die Selbstvorwürfe:
Warum hast Du die Schule geschmissen und nur den Quali gemacht?
Warum fühlst Du Dich unfähig, Beziehungen zu anderen Menschen einzugehen?
Warum lässt Du Dich immer wieder übervorteilen und lernst nicht daraus?
Und zwischen all diesen zermürbenden Fragen findest Du doch noch Worte des Trostes - denn es gibt Menschen, denen es noch wesentlich schlechter geht als mir.
Andere Menschen arbeiten noch mehr und härter, haben ihre Familien verloren, leben inmitten von Kriegen und Unruhen, sind sozial noch wesentlich stärker isoliert da arbeitslos, haben Dinge in ihrem Leben gesehen, die ich nicht einmal erahnen kann.
Und dann muß ich doch wieder lächeln, denn eigentlich geht es mir gar nicht so schlecht. Immerhin ist mein täglich Brot gesichert, ich habe ein eigenes Auto, ich wohne in einem gut isoliertem Raum mit Strom und Heizung und habe eine warme Decke, die ich mir über den Kopf ziehen kann.
Wenn die Sonne morgens scheint und ich zur Arbeit fahre, muß ich mich nicht darum sorgen, ob ich meine Familie vernachlässige, ich muss mich nicht fürchten, das mein Auto beschossen wird, mich bedroht keine Hungersnot und die Umgebung, in der ich lebe, bietet viele Seen, große Wälder und Wiesen, viele Tiere um mich herum und sie ist einfach wunderschön.
Was will ich eigentllich mehr?
Vieleicht ist die Welt auch nur dann zum Kotzen, wenn ich meinen Blick auf mich selbst richte, anstatt die Schönheit anderer zu erkennen.
Und auch wenn ich oft mit meinem Schicksal hadere, irgendwo danke ich Gott auch dafür, daß ich dieses Leben geschenkt bekam, in dem ich wenigstens in Freiheit existieren darf.