Jetzt bin ich auch endlich mit meinem Review fertiggeworden. Ich habe es getippt, ohne die bisherigen Kritiken und Diskussionen hier gelesen zu haben, so dass ich um Verständnis dafür bitte, wenn ich schon "ausdiskutierte" Sachverhalte noch einmal ahnungslos aufgreife.
Wer meine "Vorgeschichte" kennt, weiß, dass ich nach wie vor darüber grummele, dass das Expanded Universe legendarisiert wurde, und außerdem auch neue SW-Filme ganz prinzipiell für unnötig halte. Dennoch bin ich, nachdem ich mich einmal dazu durchgerungen hatte, Episode VII überhaupt anzusehen, durchaus offen an diesen Film herangegangen. Ich war bereit, mich von den neuen Charakteren und der Handlung überzeugen zu lassen. Wenn auch nicht als Ersatz für die Star Wars-Geschichte, die ich über 20 Jahre Romanlektüre mit meinen Helden durchlebt und durchlitten habe, so doch zumindest als unterhaltsames und interessantes Alternativuniversum dazu.
Leider muss ich sagen, dass Episode VII dabei weitgehend gescheitert ist. Obwohl ich wirklich keine hohen Erwartungen an den Film hatte, habe ich das Kino mit einem unbefriedigten, schalen Gefühl verlassen.
Zunächst einmal die
positiven Punkte: Unterhaltsam ist der Film auf jeden Fall, ich habe mich nicht gelangweilt. Auch optisch, bezüglich der Tricks usw., habe ich an TFA nichts auszusetzen. Das ist in sich alles stimmig und realistisch. Auch die Schwertkämpfe sind für sich gesehen gut, an den OT-Stil anknüpfend und ohne die diversen PT-Albernheiten. Außerdem gibt es keinen unerträglichen Charakter wie Klein-Änni oder Jar-Jar und, was ich doch recht stark befürchtet hatte, auch keine Obi-Wan-, Yoda- oder Anakin-Machtgeister.
Kolossal genervt hat mich allerdings über den gesamten Film die
massive Anbiederung an die früheren Filme, insbesondere die OT. Dass es die grundsätzlich gleichen Prämissen - aussichtslos erscheinende gute Rebellion gegen ein übermächtiges, böses Regime, Vader-ähnlicher Bösewicht, Superwaffe - und eine nahezu identische Optik zur OT sein würde, war ja schon vorab bekannt und von mir zähneknirschend hingenommen worden.
Nicht erwartet hatte ich allerdings, dass darüber hinaus (gefühlt oder tatsächlich?) jedes zweite Szenario eine Kopie einer OT- oder PT-Szene sein würde. Gleich zu Anfang kriegt eine Droide geheime Pläne zu schlucken, was der Ausgangspunkt für eine wilde MacGuffin-Jagd ist, die die Charaktere zusammenbringt. Dann haben wir Rey in ähnlichen Lebensumständen wie Anakin in TPM. Der Falke wird von einem Fangstrahl erwischt, fliegt durch enge Tunnel etc. Es gibt eine Cantina-Szene. Rey steigt auf einen "Machtruf" in die Tiefe, um dort eine Vision zu haben. Es müssen Schilde auf einer Raumstation deaktiviert werden, um einen Schwachpunkt angreifen zu können. "Es ist noch Gutes in ihm, ich fühle es." Etc. etc. pp. Ich habe nur noch darauf gewartet, dass Kylo Ren bei / nach dem Duell mit Rey in eine der aufgerissenen Erdspalten stürzt und durch Verbrennungen auch physisch Vaders Weg nachzeichnet...
Ich fand das alles extrem unkreativ und es hat mir auch die wenigen guten, weil subtileren Anspielungen auf die alten Filme verleidet. Ein Beispiel für ein solches IMHO gelungenes und witziges Fan-Service-Element: Diesmal ist es statt des Jediordens die böse Erste Ordnung, die Kinder ihren Eltern wegnimmt und sie indoktriniert.

Ein anderes sind die Müllpressen, wobei ich es ärgerlich fand, dass man überhaupt nicht mehr gesehen hat, was denn nun tatsächlich mit Captain Phasma geschehen ist.
Abgesehen von diesem Anbiederungs-Ärgernis konnte ich
zu der neuen Generation einfach keine Beziehung aufbauen, obwohl sie mir grundsätzlich schon sympathisch waren und ich ihnen auf jeden Fall alle Chancen gegeben habe. Damit fehlte mir dann auch die emotionale Involvierung in das Geschehen. Teils mag es daran liegen, dass es für mich nicht nur eine Fiktion ist, sondern auch eine Fiktion
zur Fiktion. D. h. dass ich die Figuren, auch die altbekannten, selbst innerhalb des Universums nicht als real wahrnehmen kann, weil die "realen" Charaktere für mich eben die aus Legends sind.
Aber ich denke, es liegt auch an den Figuren und dem Film selbst. Die Einführung der Figuren erschien mir zu überstürzt und per tell-not-show "aufgedrückt". So hätte ich mir bei Poe Dameron beispielsweise gewünscht, dass er nicht als "die Rebellion schickt ihren besten Piloten" verbal eingeführt worden wäre, sondern man ihn zuvor einmal in Aktion gesehen hätte. Ähnlich bei Finn, bei dem die Abwendung von der Ersten Ordnung viel mehr Eindruck hinterlassen hätte, wenn man ihn zuvor als gehorsamen Sturmtruppler kennengelernt hätte.
Das alles hängt damit zusammen, dass TFA IMHO
überfrachtet und dadurch oberflächlich ist. In diese Episode wurde extrem viel an Charakteren und Elementen hineingestopft, die in der OT erst nach und nach zusammenkamen. Wir haben allein 3 neue junge Helden, dazu die 3-4 Protagonisten aus der OT und 4 namentlich bekannte Bösewichter, da kann ja nichts vertieft werden.
Obwohl ich Spoiler vorab gemieden hatte, war die Handlung für mich außerdem
ziemlich vorhersehbar, es gab keine wirklichen Überraschungen für mich und die großen "Enthüllungen", insbesondere die Identität von Kylo Ren als Solo-Sohn, kamen zu früh und zu schnell. In Episode VIII nehmen wir nun noch die Frage mit, ob Rey Lukes oder ebenfalls Hans/Leias Tochter ist, aber das ist mir eigentlich auch ziemlich egal.
Die Begründung, warum
Luke verschwunden / ins Exil gegangen ist, entspricht der, die ich mir gedacht hatte. Was nicht heißt, dass ich sie überzeugend finde.

Dass Luke nach einer Katastrophe bei der Ausbildung eines Schülers sich weigert, weitere Jedi auszubilden, kann ich ja noch
ansatzweise nachvollziehen. Aber dass er auch
sich selbst, als jemand, der nach RotJ jenseits aller "Fall-Risiken" stehen sollte, herausnimmt und die Galaxis ihrem Schicksal überlässt, passt aus meiner Sicht nicht zu seinem Charakter. Ich hoffe, dass die weiteren Episoden noch weitere Argumente dazu bringen, etwa, dass er in einer Vision gesehen hat, dass es nur zu Schlimmerem führt bzw. es keinen Erfolg geben wird, wenn er sich zu früh einmischt.
Der schon zitierte MacGuffin der Karte zu Luke erweist sich zum Ende als ziemlicher Rohrkrepierer. Praktisch die gesamte Info, außer diesem Kartenschnipsel, war bisher im "schlafenden" Erzwo enthalten, der, warum auch immer, auf einmal aufwacht. Statt einer Karte hätte ich es passender und atmosphärischer gefunden, wenn er seine/n "Wahlkandidaten/in" zum richtigen Zeitpunkt per Macht zu sich ruft - aber dann hätte halt die ganze MacGuffin-Jagd nebst Charakter-Zusammenführung nicht mehr funktioniert
Leia / Carrie Fisher haben sie wirklich bemerkenswert gut "hingekriegt". Wie viel davon jetzt Training / Diät / Lifting, wie viel konventionelles Make-Up und wie viel digitale Nachhilfe war, ist mir gleich, sie hat mich jedenfalls nicht, wie ich befürchtet hatte, optisch aus dem Film "hinausgeworfen". Harrison Ford andererseits wirkt schon ziemlich alt und den Actionhelden, den er in Episode VII gibt, konnte ich ihm nicht wirklich abnehmen. Insofern ganz gut, dass sein alter Wunsch erfüllt wurde und er sterben durfte (obwohl wir natürlich mal wieder die Situation haben, dass es keine Leiche gibt, dementsprechend halte ich alles für möglich...).
Apropos
Hans Tod, erschüttern konnte der mich nicht. Ich habe schon beim Beginn der Mission zum Deaktivieren der Schilde erwartet, dass entweder Chewie oder Han dran glauben müssen würden. Als Han dann unbedarft-gutgläubig (passte IMHO nicht wirklich zu ihm) zu seinem "mit der hellen Seite kämpfenden" Sohn auf den Steg marschierte, war klar, was passieren würde.
Völlig unpassend fand ich den angesichts der offenbar doch nur leichten Verletzung ängstlich herumjammernde
Chewie. Zwar hatte er auch in der OT seine pienzigen Momente ("ist mir egal, wie du dann stinkst" usw.), aber das waren ganz andere Situationen. Ein witziger möglicher Ausblick zum Schluss war das Team Chewie / Rey - wenn sie denn zusammenbleiben.
Die Rolle von
Max von Sydow ist ja wohl vollkommen verschenkt! Die Screentime ist minimal und auch inhaltlich kam nichts rüber. Man erfährt nicht einmal, wer er ist und warum er von Bedeutung ist und diese Pläne hat. Und dann ist er auch schon tot, ohne dass das einen emotionalen Impakt bei mir hinterlassen hätte.
Soweit zu den Guten, wie sieht es bei den Bösen aus? Ich habe ja schon versprochen, etwas zu Darth Cae... äh, Kylo Ren zu sagen, da muss ich jetzt auch liefern.
Natürlich ist die
Prämisse eines gefallenen Skywalker-Enkels und Solo-Sohns aus dem Legends-EU "geklaut" und offenbar wollte man auch ansonsten Elemente von Jacens Fall in LotF übernehmen, u. a. natürlich den Verwandtenmord für den entscheidenden Schritt zum Sith und das Geschwister/Cousin-Duell (hat noch jemand Kapitel 18 von Invincible zum Leben erweckt gesehen?). Das ist für sich noch nicht verwerflich, zumal die Prämisse ja schon interessant ist. Leider ist aber die Umsetzung (zumindest bisher) ähnlich schlecht gelungen wie in den Büchern.
Das vorgesehene Szenario eines differenzierten Antagonisten, der noch zwischen Gut und Böse hin- und hergerissen ist, krankt daran, dass man sich zum einen nicht genug Zeit für diese Figur nehmen kann (Überfrachtung, siehe oben), zum anderen, dass es auf zu einfache Formeln reduziert wird. Im Gegensatz zur Versuchung durch die verführerisch leicht zugängliche dunkle Seite funktioniert es einfach nicht, dass "der Sog der (Disziplin und Selbstbeherrschung erfordernden) hellen Seite so stark ist, dass nicht wirklich böse sein kann, obwohl ich das will". Das wirkt vollkommen albern. Bei der "ich kann diesen letzten Schritt nicht tun"-Jammerei gegenüber Han auf dem Steg hat das Kino sogar gelacht, was natürlich in so einem Moment auf keinen Fall passieren darf, egal, ob diese Aussage seitens Kylo Ren ernst gemeint oder nur zur Einlullung von Han gedacht ist.
Es fehlt auch zumindest eine Andeutung des Grundes, warum er zur Ersten Ordnung gestoßen ist und weiter an ihr festhält, wenn es ihm doch so schwer fällt, sich der dunklen Seite hinzugeben und er somit offenbar (noch) nicht wirklich gefallen ist. Ist er wie Jacen überzeugt, dass die Galaxis nur so sicher gemacht werden kann? Glaubt er, dass seine Familie ihn nicht zurücknehmen wird und er deshalb wohl oder übel bei seine "neuen Familie" bleiben muss? Hat Snoke ihn mit irgendwas in der Hand?
Ohne solche vertiefenden Charakter-Hintergründe wirkt Kylo Ren leider ähnlich jämmerlich wie Darth Caedus, inklusive der albernen Trotzphasen-Wutanfälle, bei denen er die gesamte Einrichtung zertrümmert und die wohl zeigen sollen, dass er gefährlich unberechenbar und genauso gefürchtet ist wie Darth Vader, was aber voll nach hinten losgeht.
Positiv erwähnen will ich aber immerhin, dass er als Sohn des alten Han gut gecastet ist - in dieser einen Szene, kurz bevor er zusticht, ist die Ähnlichkeit fast gruselig und ich frage mich, ob da digital nachbearbeitet wurde.
Auch mein
persönlicher "Noooo"-Moment des Films hängt mit Kylo Ren zusammen: Und zwar die Offenbarung seines wahren / früheren Namens. Das war unnötige Legends-Leichenfledderei und fieses Salz in meine noch zu frischen Wunden. Außerdem finde ich den Namen für einen Sohn von Han und Leia (im Gegensatz zu Lukes) auch vollkommen unpassend, denn sie haben zum einen nicht diesen persönlichen Bezug zu Obi-Wan wie Luke, zum anderen ist er ihnen nicht unter diesem Tarnnamen von Tatooine vertraut.
Auch sonst haben mich die
Bösewichter nicht überzeugt, sie wirken eher bemüht als tatsächlich bedrohlich. General Hux' Mimik fand ich überzogen und die große Rede vor dem Heer wirkte wie eine Hitler-Karikatur. Dass Snoke als großer böser Overlord schon in diesem Teil enthüllt wird, ist IMHO ein Fehler. Noch schlimmer wird es dadurch, dass seine Präsenz auch noch vollkommen "alltäglich" und banal wirkt. Außerdem ist es natürlich eine weitere OT-Paralele, dass er wie der Imperator entstellt und (zunächst) nur im (überdimensionalen) Holo zu sehen ist. Angesichts der vielen Rückgriffe auf die OT würde es mich nicht wundern, wenn er am Ende der überlebende oder wiederauferstandene Palpatine wäre. Es würde mich allerdings
auch nicht wundern, wenn er tatsächlich nur einen halben Meter groß wäre.
Ansonsten habe ich mich gefragt, wo die Erste Ordnung und all die Typen (Anführer und Fußtruppen) auf einmal alle herkommen, wie und seit wann sie bis zu dieser Größe und Machtposition etabliert worden sein soll und wie Kylo Rens Fall da zeitlich hineinpasst - der kann ja noch nicht so lange her sein, da er noch relativ jung ist. Da muss ich auch noch einmal auf die hitzigen EU-Anullierungs-Diskussionen zurückkommen: Komplizierter und unverständlicher wäre auch ein Legends-Hintergrund etwa prä- oder post-NJO nicht gewesen...
Wie schon anhand des Filmplakats zu befürchten, ist
"die Superwaffe aller Superwaffen" ein absolutes Kopfschüttelelement. Da hat man Legends nun wirklich noch getoppt, und zwar noch wesentlich unkreativer, als man in den Büchern war. An Zonama Sekot musste ich dabei übrigens auch denken. Und dann hat man damit mal eben so die Neue Republik weggesprengt, wie soll das in den weiteren Filmen noch steigerungsfähig sein?
Zwei
Plotholes, die nicht notwendigerweise die einzigen waren, mich aber besonders geärgert haben: Wie kann es sein, dass der Falke jahre- oder gar jahrzehntelang
mit geöffneter Rampe neben einem Schrottsammlerlager steht und nicht nur nicht ausgeschlachtet wurde, sondern auch komplett startbereit inkl. gefüllter Tanks / geladener Akkus ist? Ebenso halte ich es für völligen Humbug, dass sich Finn und Rey, die sich gerade eben ihrer Machtfähigkeiten bewusst geworden sind und dabei sind, ohne Anleitung damit zu experimentieren, sich so gut gegen einen schon in der Jugend ausgebildeten Kylo Ren (verletzt oder nicht) im Schwertkampf halten können. (Reys experimentell-selbstbeigebrachte Gedankenkontrolle und Telekinese konnte ich dagegen noch akzeptieren.)
Mit dem
Humor konnte ich in den wenigsten Fällen mitgehen, für mich passte er zu oft nicht in die düster-dramatische Gesamtstimmung. Bei BB-8s Feuerzeug-Daumen hat das Kino gebrüllt, aber mir rang das nur ein Schulterzucken ab. (Und es lag nicht daran, dass ich nicht gut aufgelegt war - beim Trailer zu Zoomania mit den uuunnnnglaaauuuubliiiich laaaaannnngggsaaameeeeeeen Faultieren lag ich zusammen mit dem Rest des Kinos fast unterm Sitz.

)
Ein breites Grinsen hat mir dann allerdings der Abspann mit seinem "Based on characters created by George Lucas" auf's Gesicht gezaubert - das ist also alles, was von GL noch "drin" ist? Da hatte das Legends-EU wohl in der Tat mehr...
Für die endgültige Bewertung der
Musik braucht es noch den ein oder anderen Durchlauf des Films, aber spontan fehlte mir das zündende Element, die eigenen Ideen, die auch die PT bei all ihren Fehlern mit Duel of the Fates und dem Across the Stars hatte.
Mit einer Einordnung in die
Rangfolge aller SW-Filme werde ich auch lieber noch warten, bis ich TFA noch einmal / auch im Original gesehen habe. Die OT-Filme schlägt Episode VII aber auf jeden Fall nicht und im Vergleich zur PT hat sie ganz anders gelagerte Probleme, was die Einordnung zueinander sehr schwierig macht. Als zusammenfassendes Fazit würde ich sagen, dass TFA alles sein wollte und dadurch letzlich nichts ist.
In Bezug auf Episode VIII freue ich mich eigentlich nur auf eins: Mehr von dem wirklich bemerkenswert in Form gebrachten Mark Hamill als Luke zu sehen. Das war ja zum Ende wirklich ein fieser Teaser, kein Wort und keine Bewegung, nur sein Anblick. "Dummerweise" hat man mich dadurch trotz aller Kritik am Film dazu gebracht, den nächsten Teil sehen zu wollen.
Micah
PS: Bin jetzt erstmal ein paar Tage nicht online, so dass ich erst im neuen Jahr in weitere Diskussionen einsteigen kann.