Ich greife jetzt nur zwei Punkte des Quarks Artikels heraus, die mir besonders ins Auge gesprungen sind, weil sich an ihnen sehr gut verdeutlichen lässt, was mich an der Notwendigkeit des Genderns zweifeln lässt.
(Insgesamt liefert er aber natürlich auch sehr viele Argumente FÜRS Gendern, denen ich gar nichts entgegen setzen kann, oder möchte – aber dazu vllt später mehr

)
So glaubten in einer
Onlinestudie etwa 44 Prozent der Versuchspersonen, dass der Spezialist eine Frau ist, wenn der Text, den sie lesen sollten, in geschlechtergerechter Sprache verfasst war. Bei Texten im generischen Maskulinum glaubten das nur 33Prozent der Leute. Gendern könnte auf diese Weise also helfen, Geschlechterstereotype zu reduzieren.“
Diese Abweichung von nur 11% ist erstens erschreckend gering und lässt zweitens keine eindeutige Interpretation ihrer Ursachen zu. Dasselbe gilt für den Schluss, den man daraus zieht.
Das sind also keine empirischen Fakten, sondern nur Vermutungen, da andere Einflussgrößen nicht vollends ausgeschlossen werden können. (Wie das bei solchen Studien generell der Fall ist, auch wenn sie unter wissenschaftlich gültigen Standards durchgeführt werden).
„Gendern könnte helfen“ ist ja auch nicht gleichbedeutend mit „es hilft mit Sicherheit“.
Also bestätigt dieser Abschnitt meine Sichtweise sogar eher, als dass er sie widerlegen würde.
"Sind Stellenanzeigen nicht im generischen Maskulinum verfasst und enthalten weniger männliche Attribute wie “Führung”, “dominant” oder “wettbewerbsfähig”, dann würden sich
mehr Frauen auf den Job bewerben, wie eine
ältere Studie zeigt."
Wenn ihr schon dabei seid, verfasst die Stellenangebote zukünftig doch bitte auch in
ROSA – das würde mir als Frau ganz besonders gut gefallen
Und jetzt ernsthaft: diese Schlussfolgerung finde ich richtig dämlich, weil sie das Problem an der mE
komplett falschen Stelle anpackt.
Nicht die Stellenausschreibungen müssen femininer formuliert werden, sondern Frauen anfangen, sich endlich mehr zuzutrauen.
Aber in einer Gesellschaft, die Frauen (immer noch) als das schwache, (förderungs)bedürftige Geschlecht wahrnimmt, darf es wohl nicht verwundern, dass man sie lieber wie arme Hascherln behandelt, statt darin zu bekräftigen, genau so viel leisten zu können wie Männer. Man könnte auch sagen: nicht die Männer müssen schwächer gemacht werden, sondern die Frauen stärker.
Und das lässt sich mMn am effektivsten (wenn nicht sogar ausschließlich) durch Erziehung, weibliche Role-Models und den längst überfälligen Abbau von Stereotypen erreichen, die immer noch munter weiterproduziert und konsumiert werden (das fällt mir vor allem beim Spielzeug immer wieder sehr negativ auf). Vor diesem Hintergrund ist es doch eigentlich logisch, dass bestimmte Berufe und „Attribute“ vornehmlich mit Männern assoziiert werden. Darin wird aber bloße Sprache auch nichts ändern können, schon gar nicht, wenn die Leute nicht anfangen, die Probleme an der Wurzel zu packen (statt sich an bloßen Symptomen abzuarbeiten)
Und was ich mich in dem Zusammenhang ebenfalls frage:
Was genau helfen gegenderte Stellenausschreibungen eigentlich noch beim Vorstellungsgespräch und insbesondere den Gehaltsverhandlungen, bei denen Frauen wohl standardmäßig den Kürzeren ziehen?
Ich hab einen Onkel in Führungsposition, der genau das immer wieder beklagt: Bewerberinnen sind bei solchen Verhandlungen durchgehend viel zu zurückhaltend. Er knirsche dann immer innerlich mit den Zähnen, und würde sie am liebsten direkt dazu auffordern, jetzt doch endlich mal ein
wirklich angemessenes Gehalt zu verlangen. Es den Frauen hinterhertragen dürfe er in seiner Position aber auch nicht, weil jedes Privatunternehmen auch eigene (finanzielle) Interessen vertritt. Das ist also ein Thema, bei dem nur die Frauen selbst
aktiv etwas verändern können (...ich musste ihm übrigens versprechen, das später
unbedingt besser zu machen. Diese Bürde wiegt zwar schwer auf meinen schmalen Schultern, ich werd's aber zumindest versuchen ^^')
In Situationen wie diesen müssen Frauen also zwangsläufig auch mit Männern konkurrieren (können), weshalb ich es für den falschen Ansatz halte, sie durch weichgespülte Stellenangebote zu „schonen“ und dadurch erst recht wettbewerbsunfähig zu machen.