Ich hatte Lust, das neue Kartenspiel in einer kleinen "Kurzgeschichte" einzubinden. Insofern: enjoy!
Die renommierte Lexikaautorin Ottegret zu Langwingen sammelte in ihrer Laufbahn so manchen Fakt, trug ältere Werke zusammen und formte so wichtige Kompendia der Gegenwart. Über mehrere Jahrzehnte etablierte sich so eine angesehene Reihe an Werken zum Nachschlagen, die verschiedenste Autoren und Fachbebiete umfasste, und letztendlich wurde einer der größten Almanache der Geschichte geboren, lange nach dem Tod von Ottegret zu Langwingen: die Langwinger Lexikonreihe, die auch heute noch regen Anklang findet, regelmäßig aktualisiert wird und in keiner Bibliothek (egal ob privat und unter dem Schutz des Kulturrates) fehlen darf.
Von Augustus Klobbenstegs Kulturführern wie "Das Rattenvolk von Unterweg", "Das Rattenvolk von Tannenbrück", "Innere Werte - Die Anatomie von zehn verschiedenen Völkern" und "Mit den kleinen Völkern in die Funkelbaumzeit - Halblingsback für jedergnom" über Ereliôn Halvahris Weddwisels "Eine Reise durch die Welt" und "Wo kommt denn nun eigentlich die Nudel her? - Spurensuche im Alten Shuko und im Neuen Resham" bis hin zu einigen ausgesuchten Niederschriften der heutzutage zu sehr in Vergessenheit geratenen Historischen Manuskripte von Frydwien Neunklee und Karl Taubenfels ist in dieser Schmuckbandreihe so mancher Schatz gebunden und wir freuen uns, Ihnen heute einen der ersten Abhandlungen von Ottegret zu Langwingen höchstpersönlich zu präsentieren.
Machen Sie es sich in Ihrem besten Formsessel bequem, greifen Sie zu einer Tasse Neuwestblütler, beauftragen Sie Ihr Musikkonstrukt, eine der Sinfonien von Carina von den Gaucaiern abzuspielen und erfreuen Sie sich an einem der Orginaltexte von Ottegret zu Langwingen:
31. März des Jahres 730 nach dem Gefallenen Stern - Rundblatt des Emeralder Stadtarchivs in der Rösserschneise 7, Senatsdistrikt / Emerald - Verfasser: Ottegret zu Langwingen, freie Mitarbeiterin
Kartenspiele der Moderne
Mäuerle
"Wylst am Meuerle harren, nur ohn Einer unt Narren." Im alten Dialekt unserer Ahnen wurde diese Regel schon vor vielen Jahren niedergeschrieben. "Willst Du am Mäuerle ausharren," so soll es nun übersetzt werden: "dann nur ohne Asse und Narren." Diese Karten sind aus den alten Bütteldecks auszusortieren, die immer noch in unseren Tagen in der Republik bespielt werden, wenn auch langsam durch modernere Kartenvarianten Schritt für Schritt verdrängt werden. Denn mit Büttel und Spitzbube, Kastanie, Glocke, Blatt und Schwert werden nur noch Schaffat, Rödel, Gombo Fünf und Saugsichd in illustrer Runde abgehalten; und eben Mäuerle.
Mäuerle lässt sich historisch vermutlich auf die Rückkehr erstarkender Fürstentümer in der Zeit nach den Dunklen Jahren des Sternenfalls zurückführen. Der Staub der Zweiten Invasion hatte sich gerade zu legen begonnen, die Schatten der Verwüstung lichteten sich, während hartgesottene Überlebende sich ihren Teil dieser neuen, gefährlichen Welt zu sichern versuchten. Binge um Binge, Stadt um Stadt und Kleinkönigreich um Kleinkönigreich wurden erbaut, Grenztürme und Handelsstraßen etabliert, Schilde und Lanzenspitzen geschmiedet. Und Mauern errichtet.
Mauern als Schutz vor den Unholden, die plündernd durchs Land zogen. Schutz vor den letzten Dämonen, die sich immer noch in der Welt versteckten. Schutz vor den Ungetümen, die aus den magisch verpesteten Strahlen des Sternenfalls entwachsen waren. Schutz vor den Nachbarreichen, die ebenso ambitioniert nach mehr und mehr Land um sich herum griffen.
Und diese Mauern waren nun also die Inspiration für ein Kartenspiel, in dem man eine möglichst stabile Reihe an gleichen Werten legen muss, um seine Kameraden mit den so erreichten Punkten zu schlagen? Die beste, längste, höchste Mauer vor sich ausliegen zu haben? Zum Schutz der Frauen, Kinder und des Viehs, die sich hinter diesen Mauern (rein metaphorisch versteht sich) verschanzen? Damit es nun am Spieler an sich liegt, seinen eigenen Schutzwall zu pflegen und den des Gegenübers zu sabotieren, auf dass man selbst zum höchsten Lehensherren dieser Lande wird? Für Ehre, Reichtum und die Zukunft des Volkes?
Man weiß es nicht, um ehrlich zu sein. Man kann es nur vermuten. Zu lange waren die wirklichen Hintergründe im Nebel der Zeit verloren gegangen. Zu lange hat niemand mehr die alte Mär von der ersten Mäuerlerunde Orginalwort für Orginalwort wiedergegeben, in der der sagenumwobene Gustl Freiherr von Emralt den Höllenfürsten Zuzu Pelzemyr bezwang.
Und viele sehen mittlerweile einen vollends anderen Hintergrund in diesem Tanz der Karten, der in vielen Wohnstuben der Neuzeit bei Tee und Kuchen von eifrig ihre Decks mischenden Pensionisten ausgetragen wird. Sie sehen den Umschwung der alten Ordnung. Die Machtergreifung des Prolitariats, des einfachen Volkes. Wo vor dem Fall noch gottgleiche Alleinherrscher über endlose Reiche regierten, wurden schon bald die Nachfallfürsten von der demokratischen Bewegung Tarleens vereinnahmt, gingen in der dem Volk wohlgesonnenen Republik auf und jeder Bürger konnte nun stolz die alten Quader längst eingestürzter Paläste und Wehranlagen auf seinem Feld und Grundstück auftürmen und lauthals verkünden: "Dies ist nun meins und dies ist gut!"
So würde mit jeder Runde Mäuerle aufs Neue der Wert des eigenen Besitzes und der schwer erarbeiteten Freiheit zelebriert werden, der Ruf nach politischer Verantwortung und dem individuellen Ausdruck, der endlich erworbenen Selbstbestimmung erneuert. Was soll denn ein Gustl Freiherr von Emralt noch gegen solch einen Volkeswunsch ausrichten? Was ein Pelzemyr, den es nach neuesten Erkenntnissen vermutlich gar nicht gegeben hatte? Mäuerle als Grabmahl des Feudalismus. Flagge des Parlamentarismus.
Und so wird Karte auf Karte gelegt, Kastanie auf Kastanie, Blatt auf Blatt. Und dies immer noch mit den Alt Emeralder Büttelkarten, die langsam aber sicher aus den Schankstuben, den gemütlichen Hinterzimmern und von den Kassierertheken der heimischen Gemischtwarenläden verschwinden. Denn wer kennt von den jungen Generationen noch die alten Spiele? Wer legt noch ein Mäuerle oder rödelt das Ass? Lang ist's her, dass Büttel und Spitzbub einen so starken Stellenwert im täglichen Stadtgeschehen hatten, ein beständiger Kampf zwischen Ordnung und ans Gefährliche grenzenden Schabernack. Ja, Schabernack.
Denn waren Spitzbuben in diesen dunklen Jahren noch lange keine Wegelagerer oder gar Meuchelmörder, die den armen Wanderer um Hab und Gut brachten, nein. Es waren die Jungblüter und hitzköpfigen Treibaufe, die hie und da mal etwas Fremdes in ihre eigenen Taschen wandern ließen, aber doch das güldene Herz am rechten Flecke trugen. Und mit denen der Büttel manchmal schelten musste, aber noch lange kein Kampf entbrannte, sollte einer dieser Schelme einmal auf frischer Tat erwischt werden.
Und auch heute sieht man Büttel denn eher im ländlichen Bereich als in den großen Städten dieser Welt. Denn was will ein solcher Volksdiener, in zeitgenössischen Verbildlichungen am ehesten noch mit breitem Schnauzer, Knüppel am vom Bauch gestreckten oder gar überlappten Gürtel, einer dampfenden Tasse in der einen Hand und einen fetttriefenden Schmalzkringel in der anderen Hand, denn auch gegen Schurkenpack ausrichten, das immer häufiger unsere Straßen und Parks in gefährliches Gebiet verwandelt? Stadtwachen sind die Antwort auf das Problem und wo nun beinahe militärisch wirkende Einheiten über die Marktplätze großer Metropolen patrouillieren, geht von den Bütteln der kleineren Ortschaften immer noch die selbe Ruhe aus, die man aus alten Stichen und Ölgemälden kennt.
Und bei einer solchen Ruhe - einer solchen Gemütlichkeit - darf ein gutes Kartenspiel nunmal nicht fehlen. Wen wundert es also, dass ausgerechnet diese Figuren ihren Weg auf die höchsten Karten fanden und ihnen die Spitzbuben entgegen gestellt wurden. Auch, wenn es heutzutage natürlich einen bitteren Beigeschmack hat, dass in traditionellen Decks nur Männer abgebildet sind und dazu auch noch Menschen. Wenigstens einen Elfen oder Zwerg hätte es schon geben können und auch wenn einer der Sitzbuben (der Spitzbube der Glocken, um genau zu sein) immer wieder gerne als Halbling ausgelegt wird, so hat die Form der Ohren vermutlich einen anderen Hintergrund, als es zuerst den Anschein hat:
Die Büttel und Spitzbuben folgen nämlich einem bestimmten Muster auf den meisten Versionen dieser Kartenart, zeigen uns nicht nur durch die aufgemalten Symbole, welcher Fuge sie denn nun angehören, sondern auch durch ihr so einfach und doch charmant gezeichnetes Erscheinungsbild. So sind die Glocken meist Gelb mit rötlichem Einfluss, die Schwerter tragen Blau und Gelb, die Kastanien Gelb mit grünen Höhen und die Blätter Grün mit gelben Ansätzen. Und auch die Formen spiegeln hier die Fuge wieder, so sind sowohl Büttel aus auch Spitzbub der Kastanien recht rund, die Schwerter tragen schwere Bewaffnung, beide Vertreter der Blätter konsumieren selbige (der Eine als Tee und der Andere als Rauchstangerl) und der letzte Büttel schwingt die Glocke, während der dazugehörige Spitzbub die entsprechenden Ohren hat, um dieselbige zu hören. Lediglich die Narren, die aber (wie schon wie am Anfang meiner Niederschrift angegeben) zusammen mit den Assen bei Seite gelegt werden sollen, folgen nicht diesen Formen und Schemata und sind im Stil der Zeit entsprechend bunt und nett anzusehen gestaltet.
Und nun wird auch klar, warum ein moderneres Kartendeck mit all seinen Feinheiten und neuen Symbolen wie Herzen und Königinnen bei einer Runde Mäuerle nur Verwirrung hervorrufen würde, man mehr Karten entfernen oder gar umbenennen müsste. Und so werden auch heute noch alte Büttelkartendecks gehegt und gepflegt und immer neue Mäuerle zwischen Kuchenteller und Stricknadeln aufgereiht, so dass der mächtigste Burgherr oder eben doch der stolzeste Landbesitzer obsiegen mag.
Doch wird hier einer der seltsamsten Aspekte dieses alten Spieles deutlich, denn wo im später für das Spiel zu dritt entwickeltem Hallodri Mäuerle jeder gegen jeden planen kann, während man seine eigene Mauer einem großen Ziele zuführt, kämpft man im vier Spieler umfassenden Ur-Mäuerle doch im Grunde nur mit dem direkten Gegenüber, hofft vielmehr auf die Nachbarn, den jeweils anderen unter Kontrolle zu halten. Ein Gefecht von zwei Parteien, jedes Scharmützel am Rande das andere Ringen beeinflussend, ständig auf der Suche nach einer Möglichkeit, am Ende als Gewinner mit der stärksten und stabilsten Mauer und somit den meisten Punkten dazustehen. Und nur im Hallodri Spiel wird dies ausgehebelt und ein vollkommen neuer Aspekt schleicht sich in die Runde, lässt die Blicke von Mäuerle zu Mäuerle schweifen und das Geschehen im Großen betrachten.
Und auch wenn schon seit einiger Zeit nun das für große Partien gedachte Sechser Mäuerle im Umlauf ist, wo eine weitere Ebene mit zwei Mitwirkenden ins Spiel kommt, wird die ganze Geschichte erst so richtig interessant, wenn es plötzlich wirklich nur noch einer gegen einen steht. So steht das Kloster Mäuerle als wichtige Säule unserer Gesellschaft im Raum, in der in tiefen Winternächten alte Ehepaare um die Vorherrschaft auf dem Küchentisch buhlen und es kein Links und kein Rechts gibt, sondern nur der Gegner direkt vor einem. Warum es letztendlich ein Kloster werden musste, wo doch ein kleiner Zollturm oder das einfache Gartenhäuschen auch getan hätte, bleibt dahingestellt. Vielleicht wurde es von Mönchen des Dimitranous für das einsame Leben im Kloster erdacht oder der Erfinder dieser Variante wollte einen spitzen Seitenhieb gegen Religion und Politik setzen. Fest steht, dass es sich mittlerweile um die womöglichst beliebteste Variante des alten Kartenspiels handelt, wenn auch nicht die berühmteste.
Diesen leider mittlerweile unrühmlichen Titel hat immer noch die Drugôsin Spielvariante inne, die während der Herrschaft des gaucaischen Tyrannen Narcur im Grenzfürstentum etabliert und spätestens während dem Anschluss an die Republik im Jahr 560 nach dem Stern zurück nach Tarleen gebracht wurde. Feiner und strategischer sollte es sein. Besser geeignet für die strahlenden und intelligenten Söldner, die der alte Narcur um sich scharte. Doch zeigt diese Variante doch eigentlich nur, wie eingeschränkt im damaligen Fürstentum gedacht wurde, während man in der Republik den Platz für Freidenker und Himmelstänzer ließ. Während man in Emerald auch die Glocken Drei auf den Glocken Spitzbuben legen durfte, um den geselligen Teeumtrunk mit dem Entsetzen des Mitspielers zu versüßen, waren in der Feste an der Gauca nur bestimmte Züge erlaubt, die sich niemals weiter als drei Kartenwerte vom obersten Stein der Fuge entfernen durften. Und während einige Zeitgenossen diesen künstlich auferlegten Schwierigkeitsgrad beklatschten, sorgten sich andere um die Einschränkung und die Idee, von den Idealen der Moor- und Flusssöldner eingeengt zu werden.
Letztendlich bleibt aber nur ein langsam verschwindendes Kartenspiel zurück, welches im Angesicht der gesamten Geschichte so viel mehr Aufmerksamkeit verdient hätte. Und so hoffe ich, dass noch in eintausend Jahren Mauern erbaut werden und das Lachen der Spielenden über das Teetischlein schallt, wenn jemanden eine Dreifach-Achter-Reihe durch einen Siebener zertrümmert und gleich danach "Mäuerle" gerufen wird. Die kommenden Generationen hätten wirklich etwas davon.