Heute habe ich lange Gespräche mit alten Freunden aus der Heimat in MV geführt. Viele Menschen dort fühlen sich weiterhin abgehängt und missverstanden. Es sind nicht die Migranten, die den Geldbeutel schmerzen, sondern die teure Butter im Lidl, die steigenden Energiekosten, die Angst vor der Zukunft. Es ist die wachsende Kluft zwischen Stadt und Land, zwischen gefühlter politischer Elite und alltäglicher Realität. Es sind die Lügen der AfD, die in der Primetime über den Bildschirm flimmern und erstmal in der Welt stehen. Niemand schaut den Faktencheck, das Gesagte zählt.
Faschisten werden dort nicht nur gewählt, weil die Menschen überzeugte Rechtsextreme sind, sondern weil Erstere Wut und Frustration aufgreifen, Schuldige präsentieren, spalten und scheinbar klare Antworten liefern – Antworten, die nicht von komplizierten Zahlen und Statistiken abhängen, die eigentlich die Realität darstellen. Dass dabei Faschismus und Menschenfeindlichkeit mit gekauft werden, wird als notwendiges Übel hingenommen. Wird vielleicht nicht verstanden, wird manchmal einfach akzeptiert. Das macht es nicht besser, gewiss.
Was es aber braucht, ist ein grundlegender Politikwechsel. Kein weiterer Blick zum Rechtspopulismus, keine Sündenbock-Rhetorik gegen Geflüchtete oder sogenannte irreguläre Migranten, keine bevormundenden Belehrungen von westdeutschen Politikern und Großstädtern.
Es braucht keine Akzeptanz, aber es braucht ein Verständnis für diese fast schon verzweifelte Sehnsucht nach klarer Führung und sicherer Zukunft. Es braucht eine Politik, die Menschen wieder Hoffnung gibt – nicht nur durch Versprechen, sondern durch konkrete Verbesserungen. Eine Politik, die die Wirtschaft stabilisiert und auch Perspektiven schafft, die Ressourcen vor Ort aktiviert, Infrastruktur modernisiert und den Menschen zeigt, dass ihre Heimat Zukunft hat.
Es braucht vielleicht auch eine neue politische Kommunikation: weniger technisch, mehr nahbar und verständlich. Eine Aufklärung, die niedrigschwellig und ohne erhobenen Zeigefinger stattfindet. Vielleicht braucht es sogar eine Politik, die für eine Weile stärker auf Emotionen setzt – auf Zuversicht, Gemeinschaft und die Vision einer besseren Zukunft – anstatt nur auf harte Fakten, die viele längst nicht mehr erreichen. Denn womit gewinnt die AfD? Womit scheitern alle anderen Parteien? Mit Emotionen. Vielleicht muss man eine Zeit lang das Playbook der Rechtsextremen bedienen, von ihnen lernen? Keine Ahnung ob dies die Büchse der Pandora öffnet, aber anscheinend helfen Zahlen, Fakten und Appelle nicht.